Titel: Die schlafenden Engel

Autor: Lily
Kategorie: Dramatisches
Rating: ab 12
Anmerkungen: Catreenas Geburtstagsgeschichte, inspiriert von "Two for Tragedy" von Nightwish; überarbeitete Version von 2005
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Inhalt: Catherine und ihre Kinder stehen am Rande des Hungertodes - bis zu jener einen Winternacht...

Die schlafenden Engel

Ruhet nun
Schlafet, meine Kinder
Gefallene Wesen dieser Welt
Schlummert in Frieden

Mit vor Zärtlichkeit leuchtenden Augen beobachte Catherine ihre beiden Kinder, die friedlich auf dem schmalen Bett schliefen. Im Kampf gegen die unbarmherzige Kälte des Winters hatten sie sich unter der dünnen Decke eng aneinander geschmiegt, ihre goldenen Locken vermischten sich auf dem alten Kissen, die kleinen, knochigen Finger hatten sich haltsuchend ineinander verschränkt.
Der Wind pfiff eisig durch die grob geschnitzten Bohlen der Tür, hinein in den einzelnen Raum der Höhle. Im Kamin flackerte ein kleines Feuer, die wenigen Holzscheite viel zu rasch verschlingend, kaum das kalte Zimmer wärmend. An einem Haken in der Ecke hingen ein Umhang und wenige, zerrissene Kleider, auf dem Tisch standen ein Becher und drei leere Teller. Eine Kanne mit Wasser hing neben dem Feuer, hin und wieder erhitzt von einer emporschießenden Flamme. Zwei kleine Mäuse suchten sich ihren Weg über den mühsam festgetretenen Erdboden, machten sich über ein paar herabgefallene Brotkrumen her - die Überreste ihres letzten Brotes.
"Schlaft, ihr zwei...", murmelte die Frau mit kaum hörbarer, erstickter Stimme. Funkelnde Tränen schossen in ihre ehemals so lebensfrohen Augen, während ihr Blick über ihr dunkles Zuhause glitt, die leeren Kisten und Kästen, mit zwei Äpfeln als letzte Nahrung für den gesamten Winter, einen Winter, länger und härter als jeder zuvor.

Vergesst euren Schmerz
Und all euer Leid
Das Leben ist nichts
Wonach wir streben könnten
Alles ist eins
Es kam aus dem Nichts
Und wird im Nichts enden

Die eisige Kälte im Zimmer betäubte Catherines Schmerzen. Die Arbeit auf ihrem kleinen Stück Land hatte sie ausgezehrt und war doch umsonst gewesen. Es hatte nur wenig Gemüse hervorgebracht, kaum genug für die ersten Wintermonate. Sie konnte nicht einmal im Traum daran denken, auf den Markt zu gehen und etwas von ihrer Ernte zu verkaufen, brauchte sie doch alles für ihre beiden kleinen Töchter und für sich selbst. In den letzten Tagen schlichen sich immer öfter dunkle Gedanken in ihren Kopf, unbemerkt, doch mit der Zeit mehr und mehr willkommen. Sie hatte immer alles getan, um ihrer kleinen Familie das Leben zu erhalten - doch nun schien es, als seien all ihre Mühe und Pein umsonst gewesen. Sie spürte, wie ihr alles gleich wurde, alles einerlei - Wärme und Kälte, Tag und Nacht, Leben und Tod.

Keine Hand
Unsere Krankheit zu heilen
Kein Wort
Unser Schicksal zu ändern
Verachtung ist unser Wasser
Und Abscheu unser Brot
Und meine Tränen euer süßer Wein
Eure Sinne benebelnd
Euren Blick verschleiernd
Eure Wahrheit verwischend
Euch zu ruhigem Schlaf geleitend...

Catherine seufzte tief, konnte ihre Tränen kaum mehr länger zurückhalten. Sie und ihre Kinder litten an einer Krankheit, die niemand mehr zu heilen vermochte - unter der Verachtung derer, von denen sie sich Hilfe erhofft hatte. Sie war ihrem Mann gefolgt, als dieser aus ihrer Heimat hinaus gezogen war in diese Stadt, um hier zu arbeiten. Es hatte gut begonnen, sie waren glücklich gewesen... bevor ihr Mann starb und Catherine erfahren musste, was es hieß, in einer Stadt wie dieser zu leben.
Kein gutes Wort, keine helfende Hand. Alleine mit ihren Mädchen, allein auf dieser Welt, wie es ihr schien. Es ging bergab, jeden Tag ein wenig mehr, bis zum heutigen Tag. Heute war nichts mehr übrig, sie stand vor den Scherben ihres einst so glücklichen Lebens. Der Boden brachte keine Ernte mehr, ihre Tiere waren eingegangen im letzten Winter, sie selbst war kaum noch in der Lage aufrecht zu gehen, gebeugt unter der Last eines Schicksals, das ihr mit jedem Tag unerträglicher schien.
Selbst die Kraft zum Weinen schien ihr einen Moment lang zu fehlen, bevor sich endlich silbern schimmernde Tränen den Weg ihre Wangen hinab bahnten. Ihr Schluchzen verlor sich in der Leere des Raumes.

Auf einem Lager aus Licht
Unter den Augen weinender Sterne
Liegen zwei schlafende Engel
Im Himmel
Im Tod

Rasch nahm sie ihren Mantel vom Haken, öffnete vorsichtig die Tür. Sie wollte ihre Kleinen nicht wecken durch ihre Tränen, die einfach nicht versiegen wollten. Vorsichtig drückte sie sich durch den schmalen Spalt, wollte die Tür nicht weiter öffnen, wegen der quietschenden Angeln und der Kälte, die ihre Chance unbarmherzig nutzen würde um den letzten Rest von Wärme in der Höhle zu ersticken.
Mit gesenktem Kopf ging sie durch den knöcheltiefen Schnee, der die Welt bedeckte wie ein Leichentuch. Die Dunkelheit der Nacht schien ihrer zu spotten, der eisige Wind sie zu verhöhnen. Kein Stern drang durch die Wolken am Himmel, kein noch so kleines Licht erhellte die Welt.
Kein Licht...
Catherine hielt inne, als etwas die winzigen Schneekristalle zu ihren Füßen zum Leuchten zu bringen schien. Ungläubig hob sie den Blick ihrer trüb gewordenen Augen vom Boden. Die Laterne leuchtete in einem zauberhaften, blauen Licht. Keine Flamme schien in ihrem Innern zu brennen, und dennoch sandte sie Wärme aus und Zuversicht, einen sanften Schein, der sie zu trösten schien. Vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzend näherte die Hobbitfrau sich der filigranen Laterne... und ertappte sich dabei, wie ihre gerade getrockneten Tränen wieder zu fließen begannen.
Langes Haar schimmerte auf der makellosen Schneedecke, silbern glänzend, fein wie aus Mondlicht gewoben. Haut, weiß und milchig, bedeckt von feinsten Stoffen.
Kalt und regungslos lagen die beiden Gestalten im Schnee, friedlich schlafend für immer. Ihr Blut war längst verschwunden unter den stetig fallenden Flocken, ihre Wunden gefroren durch die stille Winternacht. Die Fußspuren derer, die sie ermordet hatten, waren kaum mehr zu erahnen.
Statuen aus Eis, von einer Schönheit, wie Catherine sie noch niemals gesehen hatte und niemals mehr sehen würde, so lagen sie dort, starrten sie mit gebrochenen blauen Augen an. Kein Vorwurf schien durch ihren Blick, nur unendlicher Frieden.

Der Augen gefrorener Schmerz
Stumme Worte auf schweigenden Lippen
Frierend liegend im Schnee
Gebrochen ihre Schwingen
Verloschen ihr Licht

Lasset uns ruhen
Elendig lebtest du
Elendig starben wir

Sie waren ihr so nahe - sie hätte nur die Hand ausstrecken müssen und hätte sie berühren können, doch sie wagte es nicht. Beinahe schien es ihr, als würde sie dadurch diesen Kranz aus Licht durchbrechen, der die beiden umgab, würde sie in ihrer ewigen Ruhe stören.
Beinahe meinte sie, ihre Stimmen zu hören.
Lass uns ruhen... in unserem Leben haben wir kein Glück gefunden, unser Sterben war gewaltsam, lass uns unseren Frieden im Tod...
Sie schluckte schwer. Wie konnte jemand etwas so grausames Tun? Solch unschuldige Wesen ermorden...?
Ein Blinken riss sie aus ihren Gedanken. Ihr Blick fiel auf die Tasche, die neben den Toten im Schnee lag, und sie traute ihren Augen kaum.
Goldstücke glänzten im Schnee.
Aber sie konnte doch nicht...

Verachtet uns in unserm Stolz
Nur gebt uns nicht die Schuld
Denn die Liebe einer Mutter ist das Opfer
Das uns nun in Frieden ruhen lässt

die Ruhe dieser beiden stören.
Den Frieden der Toten wollte sie nicht schänden, sie nicht bestehlen.
Als sie in ihre blauen Augen sah, meinte sie für einen Moment, in die Augen ihrer Töchter zu sehen, unschuldig und so rein wie eine Lilie im Frühsommer... die Augen ihrer Mädchen, die bald genauso gebrochen und kalt starren würden...
"Vergebt mir...", wisperte sie, kniete sich vorsichtig in auf das makellos weiße Bett der beiden. Mit ganzem Herzen bat sie die beiden um Vergebung, erzählte ihnen von ihrem Leid. "Was auch immer meine Strafe sein soll, ich werde sie annehmen...", hauchte sie hinein in die Winternacht, nahm mit zitternden Fingern die Tasche vom Boden auf. "Ich bin bereit, dieses Opfer zu bringen."
Das Licht der Laterne glänzte auf den Goldstücken. Für einen Moment sah sie die Gesichter ihrer Kinder auf ihnen auftauchen, lachend, wie sie es schon lange nicht mehr getan hatten, mit leuchtenden Kinderaugen.
Der Augenblick war so schnell vorüber, wie er gekommen war. Der Wind heulte auf, Wolken verschluckten jeden noch so kleinen Strahl des Mondes. Hastig ergriff Catherine den Henkel der Laterne, verbarg die Tasche in ihrem Umhang und hastete zurück zu ihrer Höhle, zu dem feinen Schimmer Licht, der durch die Tür schien.

Noch einmal blickte sie sich um, während die Wolkendecke plötzlich aufriss und ein Schauer Mondlicht das Land überflutete.
Dort lagen die beiden, friedlich vereint, einen ewigen Schlaf schlafend.
"Verzeiht mir."
So leise wie möglich öffnete sie die Tür, schlich sich lautlos in den nun dunklen Raum. Das Feuer war erloschen, die Asche glühte nur noch still vor sich hin. Mit einem perlenden Klingen stellte sie die Laterne auf dem Tisch ab. Das blaue, zauberhafte Licht erfüllte mühelos die trostlose Höhle, brachte die stumpf gewordenen Gegenstände zum Glänzen.
Auf dem schmalen Bett schliefen noch immer die beiden Mädchen. Ihre Atemzüge waren das einzige Geräusch, das das Zimmer erfüllte; dieses Licht schien das Pfeifen des Windes auszusperren, die Kälte, die Dunkelheit.

Keine Flamme
Keine Ewigkeit
Vermag den Schmerz noch zu heilen

Wir zünden ein Licht für jede Träne
Unter einem Bett aus Kerzen
Liegen zwei Seelen
Deren Worte längst verklungen sind
In der sternhellen Dämmerung

Catherines Mitgefühl für die beiden Toten schwand langsam, die gewaltsam beendete Ewigkeit der Beiden schien belanglos angesichts der Gesichter ihrer Töchter. Nichts war für die Ewigkeit, vielleicht in einer anderen Welt, aber nicht in dieser, nicht in diesem Winter...
Aus einem Schrank holte sie mit bebenden Händen zwei Kerzen hervor, entzündete sie am Licht der Laterne. Sie brannten mit blauer Flamme, brannten im Gedenken an die beiden Toten, erhellten die Goldstücke, während Catherine sie zählte. Eine Kerze für jeden der beiden Toten, für ihre ruhenden Seelen, für jede ihrer eigenen Tränen. Ein leises Murmeln ließ sie aufschrecken.
Ihre beiden Mädchen regten sich, räkelten sich unter der dünnen Decke... fielen schließlich zurück in den tiefen Schlummer.
Sie lächelte. Sie brauchte keine Worte, um zu wissen, dass sie träumten, wohlig träumten von besseren Tagen. Von einer besseren Zukunft, die schon bald kein Traum mehr sein würde.

Ende

(c) 2004 by Lily

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