Sand der Zeit

Der erste Monat

Kapitel 3: Von überraschten Jedi-Meistern

Die Letzte Heimat des Lichts, Tempel, Ratsgemächer

Yoda humpelte seelenruhig durch die Ratsgemächer zu seinem Platz, wobei er die Blicke der anderen im Rücken spürte. Sein Verhalten war ihnen ein komplettes Rätsel. Nachdem er es sich in seinem Sessel bequem gemacht hatte, blickte er die anderen Meister der Reihe nach an.
"Eine Ahnung Ihr habt, mit wem gerade gesprochen, ich habe, hmm?", fragte er schließlich. Von einigen Jedi kam Kopfschütteln zurück, andere sahen eher nachdenklich aus.

"Etwas an ihm kam mir bekannt vor", meinte Ulic stirnrunzelnd.
"Wenig verwunderlich, das ist. Viel Ähnlichkeit mit seinem Vater, er hat."
"Seinem Vat..." Ulic schnappte nach Luft, als die Erkenntnis ihn mit der Wucht eines vollbeladenen Frachters traf. "Das war Luke Skywalker, nicht wahr? Anakins Sohn..."
Yodas Glucksen war Antwort genug.

Maleina begann zu sprechen: "Ihr denkt darüber nach, unseren Beschluss bezüglich Meister Skywalker jetzt bereits in die Tat umzusetzen? Meister, was, wenn er, entgegen seiner Einschätzung, keine beständige Verbindung mit der Heimat aufbauen kann?"
"Wie wahrscheinlich, dies ist?", fragte Yoda zurück.
"Nicht sehr. Und selbst wenn - dann wird halt wieder alles zum Alten zurückkehren. Ich sehe Euer Problem nicht, Meister Loriani", kommentierte Ulic ungerührt. "Ich bin dafür."
"Aye."
"Ich sagte nichts dagegen. Ich war nur überrascht", seufzte Maleina und nickte ihre Zustimmung. Ulic grinste breit. "Ich würde nur zu gerne sein Gesicht sehen, wenn er das erfährt."

"Was?" Luke vergaß alle Kontrolle, die fast fünfzig Jahre als Jedi ihn gelehrt, und alle Manieren, die Tante Beru ihm beigebracht hatten. Im Nachhinein war er sich sicher, dass er Yoda minutenlang wie paralysiert angestarrt hatte.
Der kleine grüne Jedi lachte leise vor sich hin und ging an Luke vorbei auf die große Flügeltür der Räumlichkeiten zu.
"Gehört, du mich hast."
Der ehemalige Padawan starrte auf den leeren Fleck am Boden, wo sein Meister gestanden hatte, ehe er sich sehr langsam umdrehte und ihm folgte.
"Aber..."

Lukes Schienbein machte schmerzhafte Bekanntschaft mit Yodas Gehstock.
"Nichts aber!" Der kleine Jedi sah seinen früheren Schüler nachdrücklich an. "Umziehen, du dich jetzt solltest. Zu spät kommen, du sicherlich nicht willst."

Coruscant, Jedi Tempel, Skywalker Apartment

Ein tiefer Atemzug. Dann zwang Luke sich, seine Augen wieder zu öffnen. Dämmerlicht erhellte den Garten spärlich und machte einen Blick auf das Chronometer überflüssig. Er griff nach der Tasse, die immer noch neben ihm auf dem Boden stand, und nippte an ihrem süßen Inhalt. Wie erwartet war die Schokolade eiskalt. Seufzend stand er auf und ging in die Küche, um sie wieder aufzuwärmen.

Mara Jade schlief noch immer und würde es wohl auch die Nacht über tun, doch er verspürte keine bedeutende Müdigkeit, nur ein leichtes Unwohlsein, was teilweise auf seine etwas schmerzenden Beine und teilweise auf das in den letzten Stunden Erlebte zurückzuführen war.
Es gefiel ihm nicht, ganz und gar nicht. Nichts von alledem. Aber jetzt war keine Zeit, um über den Willen der Macht nachzudenken und über ein Schicksal, das er nicht verstehen und erst recht nicht gut heißen konnte. Ihm blieb kaum etwas anderes übrig, als es zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen.
/Zu handeln./

Er trank einen Schluck der wieder heißen Schokolade, ehe er mit der dampfenden Tasse in der Hand das Apartment durchquerte, bis er vor der Tür stand, die zu den Zimmern seines Sohnes führte. Er klopfte und griff gleichzeitig leicht mit der Macht aus.
/Komm herein!/ hörte er Ben durch ihr Band rufen.
Er drückte die altmodische Klinke hinab und sah aus jahrelanger Gewohnheit kurz hinab auf den Boden, ehe er einen Fuß in den Flur setzte, um ja nicht auf Lichtschwertkristalle, Droideneinzelteile oder Tiere zu treten, auch, wenn es hier schon seit Jahren nicht mehr wie in einer Müllpresse aussah. Nachdem er eine offene Tür am Ende des Flures durchschritten hatte, fand er sich in einem kleinen Arbeitszimmer wieder.

"Guten Abend", grüßte er seinen zwanzigjährigen Sohn lächelnd. Ben sah von dem Datenpad auf, das er las, und runzelte sofort besorgt die Stirn.
"Stimmt etwas nicht, Vater?"
Luke versuchte schon lange nicht mehr, seinem Sohn etwaige Besorgnis zu verheimlichen. Das Band zwischen den beiden war zu stark geworden, als dass er seine Gefühle hundertprozentig abschirmen konnte; umgekehrt hatte er auch immer eine vage Ahnung von Bens Empfindungen. Also nickte er nur und setzte sich auf einen Stuhl vor Bens Schreibtisch.
"Ja, aber was, das weiß ich noch nicht. Dein früherer Meister und ich spüren in letzter Zeit etwas in der Macht, was Jacen sehr treffend als "Aufmerken" beschrieben hat, und ich möchte nun wissen, ob du vielleicht etwas ähnliches wahrgenommen hast", sagte er und blickte Ben prüfend in die hellen Augen.

Der junge Ritter zögerte und legte das Datenpad vorsichtig beiseite. "Ich weiß nicht genau", murmelte er gedankenverloren. "Irgendwie..."
"... findest du nicht mehr die gewohnte Ruhe in der Macht?", beendete sein Vater den Satz fragend, als Ben nicht weitersprach.
"Ja, so könnte man es beschreiben. Aber ein konkretes Problem habe ich nicht bemerkt", erwiderte sein Sohn, während er versuchte, seine Gefühle zu definieren. Luke schlenderte um den Tisch herum und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
"Lass es gut sein", lächelte er. "Mehr wollte ich gar nicht wissen. Ich werde mich darum kümmern; sorge du dich lieber um deine kleinen Schüler."
In seinen Augen funkelte es vergnügt, doch das Glitzern war nicht hell genug, um den Schatten der Besorgnis darin vollkommen zu verdecken.

Coruscant, Solo Apartment

Luke spürte, wie seine Schwester in der Macht nach ihm ausgriff, kaum dass er an der Tür des Apartment der Solos geklopft hatte. Er sandte ein warmes Lächeln zurück, kurz bevor die Tür vor ihm beiseite glitt und ihn eintreten ließ.
"Ich hoffe, ich störe nicht", meinte Luke, nachdem er seine Schwester umarmt hatte. Leia lächelte und schüttelte den Kopf.

"Nein, nein, Luke", antwortete sie. "Du störst nie. Ich hatte dich nur nicht erwartet", sagte sie, während die Geschwister in den Wohnraum traten und sich auf den bequemen weißen Sesseln dort niederließen. Leia zupfte einen Moment lang gedankenverloren an ihrem hellgrünen Kleid, strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und warf Luke schließlich einen fragenden Blick zu.
"Es gibt einen Grund für deinen Besuch, nicht wahr?"
"Brauche ich einen Grund, um meine Lieblingsschwester zu besuchen?"

Leia lachte. "Ich bin deine einzige Schwester, Luke. Und nein, eigentlich nicht. Aber... du bist unruhig, Bruderherz. Irgend etwas bedrückt dich", schloss sie mit einem leichten Stirnrunzeln.
Luke seufzte. "Ich möchte dich etwas fragen...", begann er langsam und berichtete ihr von dem Gefühl, das er mit Jacen und seinem Sohn teilte. In Leias Augen erkannte er schon nach wenigen Sekunden, dass sie es auch bemerkt hatte - und davon ebenso beunruhigt war wie er selbst. Sie sah, dass er ihre Gefühle spürte, und ersparte sich eine Antwort.

"Was denkst du, was es bedeutet?", fragte sie stattdessen und ließ sich ein wenig tiefer in die Macht sinken, bemerkte eine vertraute, stetig näher kommende Präsenz am Rande ihrer Wahrnehmung, beinahe überstrahlt zwar von der ihres Bruders, aber dennoch nicht zu verfehlen.
"Ich weiß es nicht, niemand weiß es", gab Luke beunruhigt zu. "Und es gefällt mir nicht, dass es bisher nur Mitglieder unserer Familie wahrnehmen konnten."
/... und einige der mächtigsten Jedi-Meister, die es jemals gegeben hat, aber ich bezweifle, dass selbst sie es gespürt hätten, würden sie heute noch leben/ fügte er in Gedanken angespannt hinzu, darauf bedacht, dass Leia ihn nicht hören konnte. Zu seinem Glück sandte sie just in diesem Moment eine Begrüßung an ihre Tochter, die soeben das Stockwerk betrat.

"Als Grund dafür kommt eigentlich nur unsere Verwandtschaft zu Anakin in Frage. Er als Sith...", sagte sie anschließend.
Ihr Bruder runzelte die Stirn. "Das würde voraussetzen, dass sein Fall zur Dunklen Seite rückwirkend unsere Gene beeinflusst hat. Ich bezweifle, dass so etwas geschehen ist, wie sollte es auch? Wir waren noch nicht geboren, als er fiel", hielt er dagegen.
"Der Wille der Macht?", fragte Leia mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Hauch schwarzen Humors.
"Die Macht ist nicht die Lösung für all unserer Probleme." Luke lehnte sich zurück und verfiel seinen Gedanken.

Er hatte selbst bereits eine Verknüpfung mit Anakin Skywalkers Dunkler Seite vermutet und der Ewige Rat hatte ihm ohne großes Zögern zugestimmt. Er erinnerte sich auch an das Gespräch mit seinem Vater, das er kurz vor seiner "Abreise" geführt hatte. Anakin und sein gleichnamiger Enkel waren zwei der wenigen Jedi dort, die den schwachen Schleier Dunkelheit wahrnehmen konnten. Sein Vater hatte sich, wie die meisten, zwar beunruhigt, aber nicht alarmiert gezeigt mit der Erklärung, so etwas käme von Zeit zu Zeit vor; nur Meister Yoda und Ulic Qel-Droma waren über ein normales Maß hinaus besorgt gewesen.
Luke teilte ihre Besorgnis uneingeschränkt.

"Onkel Luke", grüßte ihn seine Nichte Jaina Solo Fel in diesem Moment und riss ihn aus der Grübelei. Er lächelte und stand auf, um sie zu umarmen, darüber erfreut, dass sich wenigstens einer der Zwillinge seine Bitte, ihn nicht auch noch im Umkreis der Familie mit seinem Titel anzureden, zu Herzen nahm.
/Ist es so schlimm?/ lachte Jacens Zwillingsschwester in seinem Kopf.
/Schlimmer/ gab er trocken zurück. /Ich habe es mittlerweile aufgegeben./
"Sieht dir gar nicht ähnlich", bemerkte Jaina grinsend und ließ sich auf die Couch fallen.

Dieser antwortete wohlweislich nicht und versteckte den Gedanken vor ihr, dass sie fast schon zu erwachsen aussah. Leia jedoch hörte ihn und konnte ein Kichern kaum unterdrücken.
/Sie ist schon lange erwachsen. Genauso, wie es Ben ist/ wisperte sie.
/Nicht, wenn Mara es verhindern kann./

Wird fortgesetzt...

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