Sand der Zeit

Der erste Monat

Kapitel 4: Mit meinem Gesicht

Coruscant, Jedi-Tempel, Bibliothek

Luke runzelte die Stirn. Die Worte, die vor ihm auf den Bildschirm flimmerten, nahm er schon lange nicht mehr wahr; das Gefühl, beobachtet zu werden, war mittlerweile nicht mehr zu ignorieren. Es geschah nicht unbedingt selten, dass in jemand beobachtete - das Augenmerk der Leute schien von seiner Gegenwart geradezu angezogen zu werden. Normalerweise störte ihn dies recht wenig.
Da er die Intensität dieses Blickes allerdings ebenso deutlich spüren konnte wie einen Blasterschuss, begann er, diese Einstellung kurzfristig zu überdenken.
Entschlossen beendete er die Datei, die die Überschrift "Loriani, Maleina" trug, und erhob sich von seinem Platz. Er brauchte nicht einmal die Macht, um sagen zu können, wer es war, der den Blick so auf ihn fixiert hielt. Sein Beobachter starrte ihn an wie eine Erscheinung - und er starrte glatt durch ihn hindurch.
Luke schlenderte zwischen zwei übermannshohen Regalen hindurch. Er trat an den Jedi-Meister heran, der am Ende des einen stand, ein Datenpad in der Hand, angeschaltet zwar, aber vergessen, und berührte ihn sacht am Arm.
"Kam?"

Kam Solusar schreckte wie vom Blitz getroffen aus seinen Gedanken. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis er sich gefasst hatte, Luke ansah...
"Meister."
... und selbst dann war seine Stimme seltsam hohl. Er musterte Luke, als sähe er ihn zum ersten Mal, wieder mit diesem leeren Blick, als würde er nicht wirklich den Meister sehen, sondern eine Erinnerung, ein Bild aus einem Traum vielleicht oder auch nur die Ahnung eines solchen.
"Stimmt etwas nicht, mein Freund? Ihr steht neben Euch", fragte Luke mit leiser Besorgnis angesichts dieses untypischen Verhaltens.
Kam schwieg lange, so lange, dass es fast schien, als wollte er nicht antworten oder hätte die Frage gar nicht wahrgenommen. Als er schließlich doch sprach, tat er es mit Vorsicht, langsam, wie man einen lang verloren geglaubten Freund anspricht aus Angst, er könnte vor den Augen ins Nichts zerfließen und sich als Illusion entpuppen.

"Es ist alles in Ordnung, Luke", meinte er. "Glaube ich."
"Aber?"
Kam riss sich sichtlich zusammen und blickte ihm zum ersten Mal direkt in die Augen.
"Mir ist, als..." Er brach ab. Luke tauschte einen verwirrten Blick mit Tionne, die neben ihrem Ehemann aufgetaucht war und mit den Schultern zuckte, andeutend, dass sie auch nicht wusste, worum es ging. "... als erinnerte ich mich plötzlich an etwas, das ich glaubte vergessen zu haben. Seltsamerweise taucht jemand in dieser Erinnerung auf, der mich an Euch erinnert, Meister." Solusar schüttelte den Kopf, wie um die Gedanken zu vertreiben.
"Eine Erinnerung an Eure Kindheit?"

Dieses Mal zögerte der etwas ältere Jedi nicht.
"Ja", erwiderte er stirnrunzelnd. "Ich hatte heute im Laufe des Morgens mehrmals das Gefühl, als öffneten sich plötzlich Türen zu Erinnerungen, die ich vergessen hatte. Was nicht erklärt, warum ich an Euch erinnert werde."
"Könntet Ihr Euch an eine Begegnung mit meinem Vater erinnern? Ich habe mir sagen lassen, dass wir uns sehr ähnlich sahen."
Solusar verschränkte die Arme und blickte auf den Boden, überlegend. "Möglicherweise. Aber es ist kein Gesicht, das ich sehe, nur ein Schemen." Er blickte auf und fuhr damit fort, sein Gegenüber prüfend zu beäugen. "Vielleicht auch nur ein Gestalt gewordenes Gefühl."

Coruscant, Manari Raumhafen

"Jacen?"
"Verschlossen. Machtsicher." Jacen Solo verzog das Gesicht und drehte sich vom Türschloss weg. "Sollen wir uns herausschneiden?", fragte er und legte eine Hand auf sein Lichtschwert.
Luke überlegte kurz, begutachtete die zweite Tür des kleinen Warteraums und schüttelte den Kopf. "Ich glaube, wir könnten das Schloss einfach kurzschließen, falls keine zusätzliche Sicherung eingebaut wurde."
"Was gut möglich ist." Der junge Meister entfernte ein Stück der Wandverkleidung und begutachtete die Elektronik dahinter. Bald schon er bis zu den Ellbogen im Kabelgewirr verschwunden.

Luke beobachtete ihn und streckte derweil besorgt seine Machtsinne aus.
"Es scheint noch niemand bemerkt zu haben, dass etwas nicht stimmt."
"Der Flug kommt erst in zwei Stunden an. Es wird noch ein Weilchen dauern, bis wir vermisst werden", murmelte Jacen zustimmend und strich sich einige lange Haarsträhnen aus dem Gesicht, hinterließ dabei eine dunkle Ölspur auf seiner Stirn. Er hielt inne. "Ich frage mich, was der Sinn dieser Aktion ist. Bisher hat niemand versucht, uns gefangen zu nehmen."
"'Bisher' ist das Stichwort hier, denke ich." Er ließ seinen Blick über die Decke und die Ecken des Warteraums schweifen. "Jacen, erinnerst du dich noch an unser Gespräch vor zwei Wochen?"
"Die Stille vor dem Donner? Ja, natürlich. Vermutet Ihr einen Zusammenhang?"
Luke seufzte. "Ja. Aber..." Seine Gedanken wanderten zu dem merkwürdigen Verhalten, das Kam an den Tag gelegt hatte. "... dir ist nicht noch etwas Anderes aufgefallen, oder?"

Sein Neffe antwortete nicht sofort, werkelte konzentriert in den Innereien des Türschlosses, aber Luke meinte zu sehen, wie er sich leicht anspannte.
"Es ist ein merkwürdiges Gefühl", begann Jacen schließlich leise zu erzählen. "Ich habe so etwas noch nie zuvor gespürt. Ich kann es nicht fassen, nicht begreifen, und das beunruhigt mich. Als ob... man ein Bild betrachtet, ein kompliziertes Bild, auf dem sich Details zu verändern beginnen. Das Bild bleibt dasselbe, aber es ist... reicher. Tiefer. Ich... wenn ich darüber nachdenke, glaube ich, dass genau dies der Donner ist, Meister. Das, worauf die Stille hinausläuft. Denn..."
Er brach ab. Seine Machtsinne schrieen Gefahr.
"Horch", wisperte Luke im selben Moment, in dem auch er es wahrnahm - ein kaum hörbares Zischen.

"Ist es das, was ich denke, was es ist?"
"Gas", stimmte der ältere Jedi zu und griff nach seinem Lichtschwert. "Ich glaube, wir sollten doch die schnelle Variante nutzen."
"Keine Einwände meinerseits, Meister."

Zwei Stunden später beobachtete Jacen resignierend, wie zwei Kopfgeldjäger und ein Dunkler Jedi abgeführt wurden, bevor er sich zu Luke umwandte.
"Ich begreife dies nicht, Meister. In all den Monaten gab es nicht den geringsten Hinweis auf irgendeine Absicht, sei es politisch, wirtschaftlich, militärisch." Er schüttelte den Kopf.
"Vielleicht gab es einen Hinweis und wir haben ihn übersehen. Oder nicht verstanden", entgegnete Luke, der spürte, dass Jacen von leiser Frustration heimgesucht wurde, und setzte sich auf einen Stuhl im weitläufigen Hauptwartesaal des Raumhafens. "Eines steht jedenfalls fest: Sie werden kreativer."
Die Art, wie Jacen ihn musterte und dabei die Lippen zusammenpresste, gefiel Luke ganz und gar nicht. Er erahnte, was im Kopf seines Neffen vor sich ging, und schnitt ihm das Wort ab, als dieser seine Gedanken aussprechen wollte.

"Jacen... diese Entwicklung beunruhigt mich genauso sehr wie dich, glaube mir. Und deswegen..." Er bedeutete ihm, sich neben ihn zu setzen, und vergewisserte sich, dass ihnen niemand zuhören konnte. "Deswegen werde ich dir jetzt etwas erzählen, das ich über die Hintergründe dieser Angriffe in Erfahrung bringen konnte. Etwas, das ich dir, um ehrlich zu sein, überhaupt nicht erzählen dürfte, aber ich denke, die Situation rechtfertigt eine Ausnahme - und ich vertraue darauf, dass du dich an dein Wort hältst, wenn du mir ein Versprechen gibst."
Jacen schaffte es, zutiefst beleidigt auszusehen, ohne auch nur einen Gesichtsmuskel zu rühren. "Das könnt Ihr."
Luke lächelte beschwichtigend und begann zu erzählen.

Jacen hatte sich in eine ruhige Ecke des Saals zurückgezogen, tief in Gedanken. Luke beobachtete einige Minuten lang, sah, wie sein Neffe versuchte, die soeben erhaltenen Informationen zu verarbeiten, zu sortieren, die Zusammenhänge zu verstehen. Der Meister wusste, dass es vergeblich war. Es fehlten noch viel zu viele Einzelheiten, um ein auch nur annähernd genaues Gesamtbild bekommen zu können.

Er schob seine Besorgnis vorläufig beiseite und wartete vor einem der Gates auf den eigentlichen Grund seines Hier seins. Auch, wenn ihm seine Intuition sagte, dass alles noch viel, viel komplizierter werden würde, hoffte er innig, dass die Nachrichten, die er erwartete, zur Abwechslung einmal nichts mit Sith-Lords, verstorbenen Jedi-Meistern und transzendentalen Erfahrungen zu tun hatten. Eine nicht unbedingt irrationale Hoffnung, wenn man es logisch betrachtete.
"Meister Lowbacca, Padawan Solo", grüßte er die beiden Jedi, die in diesem Moment durch die sich öffnende Tür traten.
Der Meister bellte eine Begrüßung, während sich Allana Solo auf eine respektvolle Verneigung beschränkte. Ihre Augen huschten durch den Raum; als sie kurz aufleuchteten, wusste Luke, dass das Mädchen seinen Vater erspäht hatte.

"Du meintest, ihr hättet eine interessante Entdeckung gemacht, Lowbacca." Er sah zu dem Wookie hoch, der bejahend antwortete und auf seine Schülerin deutete.
Allana neigte leicht den Kopf. "Ich machte diese Entdeckung, Meister."
Luke nickte. "In Ordnung. Kommt, setzen wir uns." Er führte die beiden zu einigen leeren Plätzen, nur wenige Meter von dem Ort entfernt, wo Jacen vor sich hin brütete, und forderte das Mädchen mit einem Blick auf, ihren Bericht zu beginnen.
"Wie Ihr wisst, ist Calja ein abgelegener Planet, der vollkommen vom Rest der Galaxie abgeschnitten ist. Außerdem ist es sehr friedlich dort, so dass Meister Lowbacca mir erlaubt hat, abends alleine spazieren zu gehen. Dabei bin ich auf zwei Personen gestoßen", berichtete Allana in ihrer bündigen Art.

"Ja?", fragte Luke ermunternd, als sie zögerte, und lehnte sich ein wenig vor.
"Ich spürte ihr Machtpotential. Was mich überraschte, war die Tatsache, dass diese beiden offensichtlich trainiert worden waren. Es waren Menschen, ein Mann und eine Frau, beide in hohem Alter, Meister, und sie hatten seit den letzten Tagen der Alten Republik keinen Kontakt mehr zur Außenwelt - dennoch kannten sie Euren Namen. Sie wussten, dass Ihr Anakin Skywalkers Sohn seid."
Für eine Sekunde herrschte Stille.
"Wie ist das möglich?", fragte Jacen, der stumm neben Lowbacca getreten war. "Bist du dir sicher, Allana, dass sie dies nicht irgendwo aufgeschnappt haben könnten?"
"Ja, Meister Solo. Wir haben alles überprüft - es gibt auf dem gesamten Planeten nur zwei Kommunikationsanlagen, die genügend Reichweite haben, um auch nur ein im Orbit befindliches Schiff zu kontaktieren, geschweige denn einen anderen Planeten, und beide befinden sich im Regierungsgebäude unter strenger Bewachung. Die Caljaner legen viel Wert auf ihre absolute Unabhängigkeit und Abgeschiedenheit", bestätigte das Mädchen mit neutraler Stimme.

/Das Problem mit der Macht besteht darin, dass sich auch rationale Hoffnungen nur in den seltensten Fällen erfüllen. Sie hält einfach nicht viel von menschlicher Logik/ überlegte Luke mit einem Anflug von Resignation. Er wusste einfach, dass dies nur ein weiteres Puzzelteil war, das er nun an passender Stelle ins Gesamtbild einfügen musste.
/Fremde kennen meinen Namen. Dunkelheit in der Letzten Heimat des Lichts. Und ein Gestalt gewordenes Gefühl mit meinem Gesicht./

Wird fortgesetzt...

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